Rohstoffe aus der Natur - Produkte und KnowHow von uns. Sachsenleinen

Kendyr - eine textile Rohstoffalternative

 

Die Innovation
Kendyr (Apocynum venetum und Apocynum pictum), auch als venezianisches Hundsgift bekannt, ist Teil der natürlichen Vegetation Zentralasiens. Aus den Stängeln können, ähnlich wie bei Flachs oder Hanf, Bastfasern gewonnen werden. Nach entsprechender Auflösung und Reinigung sind Faserfeinheiten von 3-4 dtex erzielbar, was mit Baumwolle vergleichbar ist. Mit den in Mitteleuropa kultivierten Bastfasern Flachs und Hanf können diese Feinheiten nicht erreicht werden.
Gelänge es, zu Baumwolle vergleichbare Faserlängen bei ausreichend hoher Festigkeit zu erzeugen, könnten die Fasern in der bestehenden, bisher auf Baumwolle orientierten Textilindustrie verarbeitet werden. Sie stellen dann ein natives Äquival

ent zur Baumwolle dar.

Moderne und effektive Ernte- und Aufbereitungsmethoden zur schonenden und umweltfreundlichen Fasergewinnung von Apocynum stehen bisher nicht zur Verfügung.
Durch die Möglichkeit der naturnahe Kultivierung auf versalzenen ehemaligen Baumwollanbauflächen bieten sich interessante Vermarktungsargumente für bioökonomische Produkte.

Die Faser ist als Textilrohstoff in Mitteleuropa weitgehend unbekannt.

Im Entwicklungsteam wurden die textiltechnologischen und wirtschaftlichen Potenziale untersucht. Für die landwirtschaftliche Kultivierung starten 2016 in Kirgistan erste Untersuchungen. Dabei kann auf Knowhow zum derzeitigen Anbau in China sowie auf Forschungsergebnisse der 60er Jahre aus der Sowjetunion zurückgegriffen werden. 

Unsere Aktivitäten verfolgen das Ziel, technologische und wirtschaftliche Potenziale eines neuen textilen Rohstoffs für industrielle Anwendungen zu nutzen. Mit der Produktion von Kendyrfasern soll das wachsende Interesse der Textilkunden nach umweltfreundlichen (Natur)-Textilien bei schwindenden Möglichkeiten des Anbaus und der Verarbeitung von Baumwolle unternehmerisch genutzt werden.

 

Nachhaltigkeitseffekte

  • Einkommen in benachteiligten ländlichen Räumen
  • landwirtschaftliche Rohstoffproduktion ohne Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion
  • Weiternutzung von Ackerflächen, die für Nahrungsmittelproduktion aufgegeben wurden
  • nachhaltige Gestaltung der Agrarproduktion
  • industrielle Koppelnutzung (Fasern, Blätter) nachwachsender Rohstoffe
  • Rohstoffalternative zu Baumwolle

Apocynum wächst im Gegensatz zu Baumwolle auf Standorten, die für den Anbau von Nahrungsmitteln ungeeignet sind. Flächenkonkurrenz landwirtschaftlicher Rohstoffe zur Nahrungskette wird dadurch vermieden. Die Kultivierung von Apocynum verhindert eine weitere Versalzung und Degradierung von Böden, da die ergänzende Bewässerung nicht vorgesehen ist.

Eine Gewinnung und Vermarktung der Blätter als zusätzliche Einnahmequelle ist industriell vorstellbar. Apocynum ist in China eine Pflanze der traditionellen Medizin (TCM). Sie wird als Blutdruck senkender Heiltee verwendet und ist außerdem für seine antidepressive und angstlösende Wirkung bekannt.

 

Wirtschaftliche Potenziale

Auf Grundlage erster Untersuchungen verfügt Apocynum über das Potenzial, den Rückgang der weltweiten Baumwollproduktion als nachhaltige landwirtschaftliche Alternative abzufangen. 
Apocynum kann in Baumwollanbaugebieten kultiviert werden, wo entsprechendes textiles Knowhow und zunehmend ungenutzte Spinnereitechnik vorhanden sind.

 

Der Hintergrund 

Bis in die 1950er Jahre dienten Naturfasern wie Leinen oder Wolle als bevorzugte Materialien für textile Anwendungen. Mit Beginn der 1960er Jahre wurden diese durch den weltweit steigenden Bedarf an Bekleidung durch Baumwolle und zunehmend durch synthetische Fasern wie Viskose oder Polyester abgelöst.
Zentralasien hat sich seit den 1950er Jahren in den Regionen Nordwest Chinas, Usbekistan und Turkmenistan als weltweit bedeutende Baumwollproduzenten zu einer Hauptanbauregion für Baumwolle entwickelt. Der Baumwollanbau unter den ariden Bedingungen dieser Region ist vollständig von Bewässerung abhängig und hat dadurch maßgeblich zur Verknappung der Wasserressourcen in der Region beigetragen. Fatale Folge ist u.a. die 90 %ige Austrocknung des Aralsees. Große Flächen sind durch die Bewässerung versalzen. Eine traditionelle landwirtschaftliche Nutzung ist dort stark eingeschränkt oder nicht mehr möglich.

Die natürliche Vegetation Zentralasiens beinhaltet Pflanzenarten wie z. B. Apocynum venetum und Apocynum pictum, die salztolerant sind und ohne Bewässerung produktiv sein können. Diese Pflanzen nutzen über ihre Wurzel Grundwasser aus Tiefen bis zu 6 m. Durch die Salztoleranz der Pflanzen können Standorte besiedelt und genutzt werden, auf denen keine Nahrungsmittel und auch keine Baumwolle mehr angebaut werden. Die einzelnen Pflanzenbestandteile beider Apocynum-Arten bieten verschiedene Nutzungsmöglichkeiten als baumwolläquivalente Fasern für Textilien oder technische Produkte und zur Wirkstoffgewinnung aus den Blättern für medizinische Anwendungen. Bisherige Produkte wie Bekleidung oder Tees sind nur in lokalen Märkten Zentralasiens, vornehmlich in China, zu finden.

 

Zum Entwicklungsteam gehören weiter


World Agroforestry Centre (ICRAF, Landesbüro für Zentralasien mit Sitz in Bishkek, Kirgistan)

Sächsische Textilforschungsinstitut e.V. an der Technischen Universität Chemnitz (STFI)

Ingenieurbüro für biogene Rohstoffe, Dr. Hans Jörg Gusovius

Heider-Consulting. Bishkek, Kirgistan